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Spitzweg, Carl
1808 München - 1885 ebd.
Öl/Karton. «Auf dem Heimweg (Straßenszene/Mondschein/Zwei Betrunkene)». Gasse in einer Altstadt mit Brunnen und zwei betrunkenen Männern in Kleidung des 18. Jahrhundert als Rückenfiguren, beide je einen Arm erhoben haltend. In der linken Bildhälfte ein Wirtshaus mit zur Straße hin hängendem, vom abendlichen Licht erhelltem Schild. U.l. sign. mit «S» im Rhombus. H. 26, B. 21,5 cm. Vergoldeter Prunkrahmen (min. best.).
Zu diesem Werk liegt eine aktuelle Dokumentations-Expertise des Spitzweg-Gutachters Prof. Dr. Siegfried Wichmann vor. Daraus geht hervor, dass das Bild um ca. 1871 entstanden ist. Zu dem Gemälde fertigte Spitzweg drei Vorzeichnungen und eine breit angelegte Skizze, die mehrfach überarbeitet wurde. Das Gemälde gehört in den Kreis der besonders gelungenen Alterswerke. Sowohl die Zeichnung als auch die Komposition zeigt das Können des Malers. In der Dokumentations-Expertise heißt es:
«Spitzweg hat sich in seiner Frühzeit mit kulturellen Fragen auseinander gesetzt, die ihn beschäftigten und die er auch für die ‹Fliegenden Blätter› und andere Wochenzeitschriften skizzierte. Zunächst sind es groß in die Fläche gesetzte Gestalten, Männer die Worte miteinander austauschen und denen Carl Spitzweg eine ‹politische Gesinnung› unterlegt. Zumeist beziehen sich die Äußerungen auf den so genannten Maulkorb-Erlass, der eine Beschränkung der Redefreiheit bezweckte. Im Mittelpunkt standen liberale Ideen, die gerade in der Frühzeit Carl Spitzwegs von 1830 und 1845 Bedeutung erlangten. [...] Alle Zeichnungen der so genannten Politiker, die Spitzweg anfertigt, sind diesem Thema gewidmet. Es ist der revolutionäre Mensch, der sich nicht traut, seine Überzeugung wiederzugeben. Der romantische revolutionäre Schwung ging ebenso schnell wieder zurück, wie er sich ausgebreitet hatte. Die Ernüchterung hob den revolutionären Elan auf. Der Liberalismus nahm an Kraft zu und führte das Bürgertum nicht in sonderliche neue soziale Reformen, eher wird das Privateigentum noch mehr respektiert und befestigt. In abendlichen Zirkeln in den Wirtschaften und Gasthäusern genoss man den Wein, um dann im Rausch auf den Plätzen zu debattieren, - die Nacht oder der Mond im fahlen Licht verklärt die Stimmung.
Stehen die Gestalten in Spitzwegs Politiker-Zeichnungen und Bildern noch groß im Raum, so werden sie in der Spätzeit zu Staffage-Figuren. Sinnbildhaft zeigt der Maler, wie eine Idee innerhalb der Nachtlandschaft verfremdet wird.
Die Heimkehrer aus den Wirtshäusern, die Spitzweg als Staffage in seine Nachtbilder einträgt, verlieren sich im Mondschein oder aber im fahlen Licht der Sterne. Sie sind eine Erinnerung an die ehemals revolutionären Gedanken und sie werden von Carl Spitzweg umgestaltet zu späten Heimkehrern, die berauscht und selig vom Genuss des Alkohols in ihre liberalen Unterkünfte entschwinden. Gefragt ist nun die Stimmung und nicht mehr die beherrschende Gestalt. Es ist jene Nachtstimmung, die Spitzweg für sich neu entdeckt. Innerhalb der großen Stadt- oder Naturlandschaft ist die Gestalt des Menschen ein kleines Wesen. [...]
Die Landschaft wird nun eine poetische Nachtlandschaft um 1870. Diese silhouettenhafte Schilderung von Gebäuden stellt ein neues Thema dar, das neue Erlebnisse der Beleuchtung vermittelt und die Farbtönungen verändert. Hatten die französischen Impressionisten das freie Außenlicht für sich entdeckt, so entschied sich Spitzweg in Teilbereichen für das Nachtlicht. Das eigentümliche Zusammenspiel von Subjekt und Objekt wird im Nachtbild besonders deutlich. [...]
Carl Spitzweg ist in seinen Nachtbildern in der Lage, die Farbe zwischen Mondhelle, Sternenschein und Reflexen zu einer neuen Dunkelfarbe zu entwickeln mit einem neuen poetischen Kolorismus. Im Nachtbild lassen sich gemeinschaftliche Auffassungen ableiten, die innerhalb der Münchner Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts schulbildend waren.»
Prov.: Süddeutscher Privatbesitz.

Lit.: Artdata, Thieme-Becker.
 

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